Klassische Fallbeispiele
Zwei Fälle aus Hahnemanns Reiner Arzneimittellehre

Fall 1

Um jedoch auch hierin meinen Freunden zu willfahren, so mögen hier ein Paar der kleinsten Fälle homöopathischer Heilung stehen.
Sch ..., eine etliche und 40 jährige kräftige Lohnwäscherin, war schon drei Wochen ausser Stande, ihr Brod zu verdienen, da sie mich
den 1. September 1815 zu Rathe zog.
  1. Bei jeder Bewegung, vorzüglich bei jedem Auftreten, und am schlimmsten bei jedem Fehltritte, sticht es sie in der Herzgrube, wohin es jedesmal aus der linken Seite kommt, wie sie sagt.
  2. Im Liegen ist es ihr ganz wohl, dann hat sie gar keinen Schmerz irgendwo, auch weder in der Seite, noch in der Herzgrube.
  3. Sie kann nicht länger als bis um 3 Uhr früh schlafen.
  4. Die Speisen schmecken ihr, aber wenn sie etwas gegessen hat, so wird es ihr brecherlich.
  5. Das Wasser läuft ihr dann im Munde zusammen und aus dem Munde, wie Würmerbeseigen.
  6. Es stösst ihr nach jedem Essen vielmal leer auf.
  7. Sie ist von heftigem, zu Zorn geneigtem Gemüthe. - Bei starkem Schmerze überläuft sie Schweifs. - Ihre Monatzeit war vor 14 Tagen in Ordnung geflossen.
Die übrigen Umstände waren natürlich.
Was nun das Symptom 1 anlangt, so machen zwar Belladonna, China und Wurzelsumach Stiche in der Herzgrube, aber alle drei nicht bloss bei Bewegung, wie hier. Pulsatille macht zwar auch Stiche in der Herzgrube beim Fehltreten, aber in seltner Wechselwirkung, und hat weder dieselben Verdauungsbeschwerden, wie hier 4, verglichen mit 5 und 6, noch dieselbe Gemüthsbeschaffenheit.

Bloss Zaunrebe hat in ihrer Hauptwechselwirkung, wie das ganze Verzeichniss ihrer Symptome beweiset, von Bewegung Schmerzen, und vorzüglich stechende Schmerzen, und so auch Stiche (in der Herzgrube) unter dem Brustbeine beim Aufheben des Armes , bei Fehltritten aber erregt sie auch an andern Stellen Stechen .

Das hierzu gehörige negative Symptom 2 passt vorzüglich auf Zaunrebe wenige Arzneien (etwa Krähenaugen ausgenommen und Wurzelsumach in Wechselwirkung - die aber beide auf unsre übrigen Symptomen nicht passen) lassen die Schmerzen in Ruhe und im Liegen gänzlich schweigen, Zaunrebe aber vorzüglich (und viele andre Zaunreben-Symptome).

Das Symptom 3 ist bei mehrern Arzneien und auch bei Zaunrebe .

Das Symptom 4 ist zwar, was die »Brecherlichkeit nach dem Essen« anlangt, bei mehrern andern Arzneien (Ignazsaamen, Krähenaugen, Quecksilber, Eisen, Belladonna, Pulsatille, Kanthariden), aber theils nicht so beständig und gewöhnlich, theils nicht bei Wohlgeschmack der Speisen vorhanden, wie bei der Zaunrebe .

In Rücksicht des Symptoms 5 machen zwar mehre Arzneien ein Zusammenlaufen des Speichels, wie Würmerbeseigen, eben sowohl, als Zaunrebe ; jene andern aber bringen nicht unsre übrigen Symptome in Aehnlichkeit hervor. Daher ist ihnen die Zaunrebe in diesem Stücke vorzuziehen.

Das leere Aufstossen (bloss nach Luft) nach dem Essen (Symptom 6,) ist bei wenigen Arzneien vorhanden und bei keiner so beständig, so gewöhnlich und in so hohem Grade, als bei der Zaunrebe .

Zu 7. - Eins der Hauptsymptome bei Krankheiten (s. Org. d.H. §.210.) ist die »Gemüthsbeschaffenheit« und da Zaunrebe auch dieses Symptom in voller Aehnlichkeit vor sich erzeugt; - so ist Zaunrebe aus allen diesen Gründen hier jeder andern Arznei als homöopathisches Heilmittel vorzuziehen.

Da nun das Weib sehr robust war, folglich die Krankheitskraft sehr beträchtlich seyn musste, um sie durch Schmerz von aller Arbeit abzuhalten, auch ihre Lebenskräfte, wie gedacht, nicht angegriffen waren, so gab ich ihr eine der stärksten homöopathischen Gaben, einen vollen Tropfen ganzen Zaunrebenwurzelsaftes2 sogleich einzunehmen und beschied sie nach 48 Stunden wieder zu mir. Meinem Freunde E., der zugegen war, deutete ich an, dass die Frau binnen dieser Zeit durchaus gesund werden müsse, welcher aber (nur erst noch auf halbem Wege zur Homöopathie begriffen) diess in Zweifel zog. Nach zwei Tagen stellte er sich wieder ein, um den Erfolg zu vernehmen, aber das Weib kam nicht kam auch überhaupt nicht wieder. Meinen ungeduldigen Freund konnte ich nun bloss dadurch besänftigen, dass ich ihm das eine halbe Stunde weit entfernte Dorf, wo sie wohnte, und ihren Namen nannte und ihm rieth, sie aufzusuchen und sich selbst nach ihrem Befinden zu erkundigen. Er that es und ihre Antwort war: »Was sollte ich denn dort? Ich war ja schon den Tag drauf gesund und konnte wieder auf die Wäsche gehen, und den andern Tag war mir so völlig wohl, wie mir noch jetzt ist. Ich danke es dem Doctor tausendmal, aber unser Eins kann keine Zeit von seiner Arbeit abbrechen; ich hatte ja auch drei ganze Wochen lang vorher bei meiner Krankheit nichts verdienen können.«


 

Fall 2

W..e ein schwächlicher, blasser Mann von 42 Jahren, dessen stete Beschäftigung am Schreibtische war, klagte mir den 27. Dezember 1815
er sey schon 5 Tage krank.
  1. Den ersten Abend ward es ihm, ohne sichtbare Veranlassung, übel und drehend, mit vielem Aufstossen,
  2. die Nacht drauf (um 2 Uhr) saures Erbrechen,
  3. die drauf folgenden Nächte heftiges Aufstossen,
  4. auch heute übles Aufstossen von stinkendem und säuerlichem Geschmacke,
  5. es war ihm, als wenn die Speisen roh und unverdaut im Magen wären,
  6. im Kopfe sey es ihm so weit und hohl und finster, und wie empfindlich darin,
  7. Das kleinste Geräusch sey ihm empfindlich gewesen,
  8. er ist milder, sanfter, duldender Gemüthsart.
Hier ist zu bemerken:
  • Zu 1. Dass einige Arzneien Schwindel mit Uebelkeit verursachen, so wie auch Pulsatille , welches seinen Schwindel auch Abends macht , was nur noch von sehr wenigen andern beobachtet worden.
  • Zu 2. Erbrechen sauern und sauerriechenden Schleims erregen Stechapfel und Krähenaugen, aber so viel man weiss, nicht in der Nacht. Baldrian und Kockelsamen machen in der Nacht Erbrechen, aber kein saures. Bloss Eisen macht Erbrechen in der Nacht , und kann auch saures Erbrechen hervorbringen, aber nicht die übrigen hier zu berücksichtigenden Symptome.
  • Pulsatille aber macht nicht nur abendliches saures Erbrechen und nächtliches Erbrechen überhaupt, sondern auch die übrigen von Eisen nicht zu erwartenden Beschwerden dieses Falles.
  • Zu 3. Das nächtliche Aufstossen ist der Pulsatille eigen.
  • Zu 4. Das stinkende, faulige und das säuerliche Aufstossen ist ebenfalls der Pulsatille eigen.
  • Zu 5. Die Empfindung von Unverdaulichkeit der Speisen im Magen bewirken wenige Arzneien, und keine so vollständig und auffallend, als Pulsatille.
  • Zu 6. Ausser Ignazsamen , welcher jedoch unsere übrigen Beschwerden nicht erregen kann,
    macht denselben Zustand Pulsatille.
  • Zu 7. Pulsatille erregt dergleichen , so wie sie auch eine Ueberempfindlichkeit der andern Sinnorgane zuwege bringt, z.B. des Gesichts. Und obgleich die Unleidlichkeit des Geräusches auch bei Krähenaugen, Ignazbohne und Sturmhut zu finden ist, so sind diese doch nicht gegen die andern Zufälle homöopathisch und besitzen am wenigsten das Symptom.
  • 8) des milden Gemütszustandes, welchen, nach dem Vorbericht zu Pulsatille, diese letztere Pflanze ausgezeichnet verlangt.
Dieser Kranke konnte also durch nichts leichter, gewisser und dauerhafter geheilt werden, als durch die hier homöopathische Pulsatille, die er dann auch sogleich, aber seiner Schwächlichkeit und Angegriffenheit wegen nur in einer sehr verkleinten Gabe, d.i. einen halben Tropfen des Quadrilliontels eines starken Tropfens Pulsatille3, erhielt. Diess geschah gegen Abend.

Den folgenden Tag war er frei von allen Beschwerden, seine Verdauung war hergestellt, und so blieb er frei und gut, wie ich nach einer Woche von ihm hörte.

Die Erforschung eines so kleinen Krankheitsfalles und die Wahl des homöopathischen Mittels dafür ist sehr bald verrichtet von dem, welcher nur einige Uebung darin und die Symptome der Arznei theils im Gedächtnisse hat, theils sie leicht zu finden weiss; aber es schriftlich mit allen Gründen und Gegengründen aufzustellen (welches vom Geiste in einigen Augenblicken überschaut wird), macht, wie man sieht, ermüdende Weitläufigkeit.

Zum Behufe eigner Behandlung braucht man nur zu jedem einzelnen Symptome alle die Arzneien mit einem Paar Buchstaben (z.B. Ferr. Chin. Rheum. Puls.) zu notiren, welche dergleichen Symptome ziemlich genau selbst erzeugen, und sich im Sinne zu merken, unter welchen, auf die Wahl Einfluss habenden Bedingungen, und so bei jedem der übrigen Symptome, von welcher Arznei jedes erregt wird, um dann aus dieser Liste abzunehmen, welches Arzneimittel unter den übrigen die meisten der vorhandenen Beschwerden homöopathisch decken kann, vorzüglich die sonderlichsten und charakteristischesten - und diess ist das gesuchte Heilmittel.